Italienisches Wechselbad

Rom Caracalla-Thermen von SüdenZu den Dingen, die ich in den letzten Jahren über Schicksalstage gelernt habe, gehört, dass beim Eintreten desselben in der Regel nichts passiert.

So war es bei diversen entscheidenden Momenten, in denen irgendein EU-Land aber nun ganz bestimmt entweder den Euro zurück gibt oder gleich ganz aus der EU austritt, so war es bei diversen Schicksalstagen, an denen das Bankensystem zusammenbrechen würde. Ich habe mittlerweile den Eindruck, uns werden so viele Schicksalstage präsentiert, dass wir aufpassen müssen, dass wir rechtzeitig mitbekommen, wenn tatsächlich mal etwas kracht.

Ich gebe zu, ich habe mich die letzte Zeit wenig mit Italien befasst. Aber im Laufe der vergangenen Woche waberten immer wieder Halbsätze zu mir herüber, die mir suggerierten, dass am Sonntag in Italien über „die Zukunft des Euro“ entschieden werde. So nahm ich mir am Samstagmorgen einen Moment, um noch mal zu schauen, was denn eigentlich Sache ist.

Die Verfasser der ersten zwei, drei Beiträge, die ich fand, waren bereits so tief im Interpretieren versunken, dass nirgends eine klare Aussage zu den Umständen zu finden war. Um abzukürzen, bat ich einen für gewöhnlich gut informierten Freund, mir in wenigen Sätzen darzulegen, weshalb der Sonntag in Italien so entscheidend ist, und er lieferte prompt:

1. Renzi, ein wirtschaftsfreundlicher Linker und überzeugter Europäer, ist als italienischer Heilsbringer gestartet, hat ein oder zwei kleinere Reformen angestoßen, aber es ist ihm nicht gelungen, die Wirtschaft nachhaltig in Gang zu bringen. Gescheitert ist er bislang am System mit langen und ineffizienten Entscheidungsprozessen.

2. Das von ihm initiierte Verfassungsreferendum sieht vor, die Macht der Landesfürsten in der zweiten Kammer des Parlaments, dem Senat, zu beschneiden. Renzi hofft dadurch, seinen politischen Handlungsspielraum zu erhöhen. Scheitert das Referendum (merke, auch in Italien gibt es viele Abgehängte, zumal im armen Süden), hat Renzi zumindest angedroht zurückzutreten.

3. Bei den Neuwahlen, die auf einen Rücktritt Renzis folgen müssten, hätten die Populisten große Chancen, ganz nach oben gespült zu werden. Lega Nord strebt eine Volksabstimmung über den EU-Austritt an, die Grillo-Partei will ein Referendum über den Verbleib (was auf dasselbe hinausläuft).

Klar erklärt, alles prima. Man muss dem Renzi also wünschen, dass er seine Macht stärken kann, und das scheint auch die offizielle Linie der Deutschen Politik zu sein. Ein paar Augenblicke später wurde mein neues Weltbild dann auch schon auf den Kopf gestellt, und zwar durch die lesenswerte Polemik von Marco Politi auf Spiegel Online.

Tja, so gesehen ist Renzi wohl auch keine Lösung. Ich weiß nun zwar etwas mehr über Politik in Italien, aber noch immer rein gar nicht über den heutigen Schicksalstag. Hoffen wir, dass die Italiener besser Bescheid wissen als, sagen wir, der oben angesprochene Herr Schäuble, und das Richtige für ihr Land tun. Der Euro wird wohl auch diesmal noch nicht auseinander fallen.

Schicksalhafter womöglich ist der heutige Tag für Österreich. Aber das ist eine andere Geschichte.

Produkte von Stimmungen

Ein guter Freund, seines Zeichens stets um Harmonie mit sich und der Welt bemüht, was ja nichts schlechtes ist, dabei aber immer ein bisschen mehr dem stoischen Glauben an die Strohhalme des Guten verhaftet als auf lange Sicht gut ist, wies mich zum Wochenende auf eine optimistische Formulierung aus Spiegel Online hin, wie sie Susanne Beyer dort verfasst hat:

Politik geht uns an, eben weil wir sehen, dass es nicht die einzelne Figur ist, die alles bestimmt, auch nicht die paar Herrscher, sondern dass Herrscher Produkte von Stimmungen sind, die wir alle mit produzieren – erst recht in der Demokratie, und das ist das Gute an ihr.

Wie nicht anders zu erwarten, hatte ich daran herumzumäkeln, und so war es mal wieder ein Wochenende lang nichts mit dem idyllischen Weltbild.

Es ist ja mal so:

Solange die Verhältnisse in so etwas Komplexem wie einer Gesellschaft einigermaßen im Gleichgewicht sind, gibt es zwei bemerkenswerte Umstände. Und zwar einen, den man beobachten kann und einen anderen, den man nicht beobachten kann.

Beobachten kann man einfache, kausale Zusammenhänge, wie unser Zitat einen beschreibt: Wie die Stimmung im Lande ist, so ist über kurz oder lang die Herrschaft.

Es liegt ja nahe: Ist die Stimmung eher konservativ, regiert schwarz. Ist sozialer Ausgleich en vogue, regiert rot. Wenn die Kinder der 68er in die Jahre kommen, gelangen auch sie an mächtige Positionen und regieren mal mit diesen, mal mit jenen mit und gendern die Sprache. Und wenn sich gerade besonders viele verunsichert fühlen, dann schlägt sich das in Strömungen nieder, die nicht so schön sind, aber mit denen man in der Regel auch noch irgendwie fertig wird.

Alles steht auf klare, einfache, lineare Weise miteinander in Zusammenhang: Egal, aus wie vielen Elementen das Gesamte – die Gesellschaft – besteht und was die Einzelnen so im Schilde führen, global gesehen kann nichts außergewöhnliches passieren. Ja, man könnte sogar für alles recht einfache Gleichungen finden – egal, wie sehr manch einer an dieser Stelle reflexartig aufschreien mag, es handele sich ja schließlich um MENSCHEN und nicht um einen Kochtopf. Statistik macht’s möglich: so lange alles nahe beim Gleichgewicht ist, ist es für die Gesamtheit unerheblich, was für Extreme der Einzelne treibt. Und das ist auch gut so. Das ist funktionierende Demokratie.

Was man nicht beobachten kann ist ein Phänomen, das man Rückkopplung nennt. Auf die Herrschaft gemünzt: Kein Bundeskanzler kann das Grundgesetz ändern, und man kann ihn bei Bedarf jederzeit absetzen. Man ist „da oben“ ein Produkt derer „da unten“, aber dieses „Da unten“ kannst Du „von oben“ nicht aus dem Gleichgewicht bringen.

Von alldem handelt unser Zitat. Von einer halbwegs im Gleichgewicht befindlichen demokratischen Gesellschaft.

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Ich bin ganz zuversichtlich, dass die Deutsche Gesellschaft sich weitestgehend im Gleichgewicht befindet.

Ich bin nicht zuversichtlich, was die Amerikanische betrifft. Wenn sich dort die Arbeiterklasse als Verlierer fühlt und als Reaktion darauf einen Milliardär auf den Schild hebt, der sich einen feuchten Kehricht um sie schert, dann ist das eben keine einfache Grund-Folge-Logik mehr, sondern ein komplexes Geflecht von Argumenten, Gefühlen und Wirkungen, dessen Ergebnis kein Mensch vorausahnen kann. Das System ist nicht mehr nahe am Gleichgewicht, sondern bewegt sich in Richtung Chaos. Ein chaotisches System wieder zur Ruhe zu bringen ist ausgesprochen schwer.

Und was die Rückkopplung betrifft – um eine Gesellschaft von oben nach unten kaputt zu machen, benötigt man kein Ermächtigungsgesetz. Es genügt schon, wenn sich die Rassisten im Land plötzlich verstanden und bestätigt fühlen. Wenn niedere Instinkte nicht mehr durch kulturelle Konventionen im Zaum gehalten werden. Verstärkung durch Rückwirkung. Auch das ist Chaos.

All das kann noch gut gehen, da wie hier. Logischerweise wünschen wir es uns, für unsere Kinder und die danach. Aber Vorsicht ist angebracht. Wir sollten nicht zu sehr die Weisheit der Schöpfer des Grundgesetzes preisen ohne dabei zu vergessen, dass alles brechen kann, wenn die Kultur, die alles zusammen hält, vergessen und ausgehöhlt wird, wenn jede Konvention über Bord geworfen wird, Traditionen nichts mehr gelten und der Umgang miteinander kalt wird.

Und wenn diejenigen, die willens und in der Lage sind, das zu erkennen, sich nicht mehr verpflichtet fühlen, etwas für die Gemeinschaft zu tun. Eigentum verpflichtet. Das gilt eben nicht nur für das schicke Häuschen im Grünen, sondern auch für eine Demokratie drum herum.

Algorithmen

Eigentlich hatte ich ganz ein anderes Thema. Aber die Kanzlerin, eine Wissenschaftlerin, soweit man das sagen kann, fordert Transparenz von Algorithmen.

Alles klar. Gehen wir mal auf die Wikipedia und schauen uns die Beschreibung des ursprünglichen PageRank-Algorithmus an. Hier mal in aller Kürze zusammengefasst: das ist der elementare Algorithmus, auf dem der Erfolg der Suchmaschine Google beruht – er ermöglicht es, die Bedeutung einer Internetseite zu berechnen, so dass in einer Ergebnisliste für eine Websuche wichtigere Fundstücke weiter oben angezeigt werden können als unwichtige. Ein nettes Wortspiel übrigens: page – die Seite, und Larry Page, der Schöpfer des Ganzen. Der Knabe hat schon Humor.

Tower of Hanoi

Warum erzähle ich das: es handelt sich um einen extrem einfachen Algorithmus. Er ist auf Wikipedia so weit erschöpfend dargestellt, dass man ihn nachprogrammieren kann – ich habe das selbst mal gemacht – und gleichzeitig so gut erklärt, dass die Grundzüge auch jemand verstehen kann, der die mathematische Symbolik nicht gewohnt ist. Perfekte Transparenz also.

Jetzt ab in die Fußgängerzone und tausend Leute nach dem PageRank-Algorithmus befragen. Und die Seite dürfen sie sich vorher so lange durchlesen wie sie möchten. Wieviele werden sich von vornherein weigern, sich das durchzulesen? Wieviele mehr nach dem ersten Absatz abwinken? Richtig. Gewaltig viele, wenn nicht gerade Mathematikolympiade in der Stadt und Mittagspause ist.

Ein Drama ist das eigentlich nicht. Algorithmen sind Spezialwissen. Sie sind komplex. Und aus diesem Grunde sind sie per Definition intransparent, ob nun geheim oder nicht. Die Forderung ist reiner Populismus.

Aber halt: Ein wenig transparenter machen kann man sie schon, die Algorithmen. Und die Kanzlerin kann sogar einen beträchtlichen Teil dafür tun. Nur sind dafür Medientage das falsche Forum. Algorithmen macht man transparent durch Investition in Bildung, und zwar an der ganzen Front: mathematisch-naturwissenschaflichen Unterricht, einschließlich der Informatik stärken, damit nicht das nächstbeste Summenzeichen abschreckend wirkt. Investition in Medienkompetenz – um kritischen Umgang mit der Materie zu üben (und dabei können dann sogar Medientage helfen). Investition in Lehrpersonal, das Spaß an diesen Dingen hat und sie vermitteln möchte und dem die nötige Zeit und das nötige Material dafür zur Verfügung steht.

Mach mal, Angela. Du weißt das doch eigentlich alles ganz genau. Wäre mal ein redlich verdientes Kreuzchen auf dem Wahlzettel.

Nuzzel

Da ich den sozialen Medien gegenüber gerade wieder etwas aufgeschlossener bin, habe ich die hiesige Blog-Sektion wieder eröffnet und habe hier von einem noch nicht ganz so bekannten Dienst zu berichten, den ich mal wieder für wert befinde, etwas genauer unter die Lupe genommen zu werden. Lange Sätze kann ich auf alle Fälle noch.

Nuzzel, der Dienst mit dem merkwürdigen Namen, hat es bei mir deshalb in die erste Reihe geschafft, weil er mir echten Mehrwert verschafft, und zwar beim Aggregieren von Nachrichten, die genau mich interessieren. Er macht Schluss mit der Notwendigkeit, verschiedene Nachrichtenseiten nach Interessantem zu scannen.

Der Dienst macht sich zunutze, dass man in sozialen Medien Kontakt mit Leuten bzw. Accounts pflegt, die die eigenen Interessen bedienen. Diese Leute zitieren häufig Nachrichtenseiten, und das ist das ganze Geheimnis: man erlaubt Nuzzel, in den eigenen Twitter- und Facebook-Timelines zu lesen. Der Dienst findet alle Beiträge, in denen News zitiert werden und macht daraus eine Art Newsletter. Der, und nur der, dient fortan als Ausgangspunkt zum Nachrichten lesen. Bei mir sieht das so aus.

Diese News liest man in der Nuzzel App, abonniert sie als Newsletter oder verteilt man selbst wieder weiter über die einschlägigen Kanäle.

Natürlich ist man keineswegs gezwungen, sich seinen eigenen Nuzzel-Feed zu zimmern. Jeder vorhandene kann abonniert werden, und so gibt es dann plötzlich Unmengen Nachrichten-Newsletter für jeden Geschmack.

Kleiner Tipp für Selbermacher: die Zusammensetzung macht’s. Wer nur wenigen aktiven Usern auf den hinterlegten Portalen folgt, muss sich über mangelnde News nicht wundern. Der wesentliche Mehrwert kommt zum Beispiel bei mir von ein paar recht aktiven Leuten auf Twitter – Medienleute, Politiker -, deren Meinungen ich mir gerne anhöre. Es empfiehlt sich einfach, nicht nur den drei privaten Kontakten zu folgen, die man auf Twitter wiedergefunden hat. Auf der anderen Seite ist es auch kontraproduktiv, direkt den Accounts großer Zeitungen zu folgen, da sie meist viele Artikel weiter verbreiten und so auch die Nuzzel-Timeline verstopft wird mit Dingen, die einen dann doch nicht so sehr interessieren und die Sache ad absurdum führen. Probiert es aus. Und ich schaue mal, ob ich das dauerhaft nutzen werde.